Bipolare Störungen

 

   

1.       Was sind bipolare Störungen?

Bipolare Störungen wurden früher häufig als manisch-depressive Erkrankung bezeichnet. Für bipolare Störungen typisch sind extreme Stimmungsschwankungen zwischen „himmelhoch jauchzend“ und „zum Tode betrübt“. Die Betroffenen wechseln zwischen Phasen der  Hochstimmung (Manie, Hypomanie) und ausgeprägter Niedergeschlagenheit (Depression). Zwischen den Krankheitsepisoden bestehen immer wieder mehr oder weniger lange Zeitintervalle mit ausgeglichener Stimmung, in denen die Betroffenen sich gesund fühlen und nur wenige oder keine Symptome der Erkrankung zeigen.

Die starken Stimmungsschwankungen haben großen Einfluss auf die Lebensführung der Betroffenen. Sie führen oft zu Problemen im zwischenmenschlichen Bereich, in Beruf und Alltag. Selbstmordgedanken oder -versuche sind bei Menschen mit bipolaren Störungen häufig. Auch für Familienangehörige und Lebenspartner kann die Erkrankung eine große Herausforderung sein.

Bipolare Störungen zeigen kein einheitliches Krankheitsbild: Dauer, Ausprägung und Häufigkeit der Phasen unterscheiden sich von Patient zu Patient.

 

2.       Wie häufig sind bipolare Störungen?

In Deutschland sind schätzungsweise bis zu zwei Millionen Menschen von bipolaren Störungen betroffen. Häufig treten erste Symptome der Erkrankung im Jugend- oder frühen Erwachsenenalter auf. Bis zur richtigen Diagnosestellung vergehen nicht selten mehrere Jahre.

 

3.       Was sind mögliche Ursachen für bipolare Störungen?

Die genaue Ursache der bipolaren Störungen ist noch nicht eindeutig geklärt. Es wird davon ausgegangen, dass es mehrere Auslöser für die Erkrankung gibt. Grundsätzlich kann jeder unabhängig von Alter, Geschlecht oder sozialer Zugehörigkeit an bipolaren Störungen erkranken. Bipolare Störungen können familiär gehäuft auftreten. Da es jedoch kein „Bipolar-Gen“ gibt, handelt es sich nicht um eine „klassische Erbkrankheit“. Die genetische Veranlagung führt aber dazu, dass andere Faktoren wie positive oder negative Ereignisse oder Lebensumstände leichter eine Krankheitsepisode auslösen können.

Man geht heute davon aus, dass bei bipolaren Störungen eine Stoffwechselstörung im Gehirn vorliegt, die zu einem Ungleichgewicht von Botenstoffen, den sog. Neurotransmittern Serotonin, Noradrenalin und Dopamin führt. Dies hat Einfluss auf das Verhalten und Fühlen des Patienten und führt zu den für bipolare Störungen charakteristischen extremen Stimmungslagen.

 

4.       Welche Symptome zeigen sich bei bipolaren Störungen?

Bipolare Störungen verlaufen in Phasen mit Stimmungsschwankungen. Man unterscheidet die Phasen „Manie“, „Hypomanie“ und „Depression“. Es kommt aber auch vor, dass manische und depressive Symptome in kurzen Wechseln oder gleichzeitig auftreten. Der Betroffene kann sich dann lustlos und erschöpft fühlen, gleichzeitig aber auch getrieben und rastlos. Diese Form der bipolaren Störung wird als gemischte Episode bezeichnet.

 

 4.1. Was kennzeichnet eine Manie oder manische Phase?

In der Manie ist eine gehobene, oft überdrehte Stimmungslage typisch, aber auch eine erhöhte Reizbarkeit und Streitsucht kann beobachtet werden. Während einer manischen Phase sind die Betroffenen voller Tatendrang und haben ständig neue Ideen. Sie zeigen ein gesteigertes Selbstbewusstsein sowie Kontakt- und Redebedürfnis. Die gehobene Stimmung führt nicht selten zu risikoreichem Verhalten, darunter leichtsinnige Geldausgaben und sexuelle Abenteuer. Die Symptome der Manie machen es dem Betroffenen schwer, sich krank zu fühlen (sog. mangelnde Krankheitseinsicht).

 Typische Symptome der Manie:

  • Unbegründete gehobene oder gereizte Stimmung
  • Rastlose Unruhe und Aktivität
  • Gesteigerte Gesprächigkeit, Rededrang
  • Erhöhte Kreativität und Gedankenflut
  • Wenig Schlaf- und Ruhebedürfnis
  • Selbstüberschätzung, Realitätsverlust, Enthemmung
  • Psychotische Symptome (z.B. Größenwahn und Halluzinationen)

Die Hypomanie ist eine abgeschwächte Form der Manie und zeigt ähnliche Symptome, die jedoch nicht so stark ausgeprägt sind wie bei einer Manie.

 

4.2 Was kennzeichnet eine Depression oder depressive Phase?

In einer depressiven Phase fühlen sich die Betroffenen oft traurig, leer, ausgebrannt und empfinden keine Lebensfreude mehr. Sie können nicht in gewohnter Weise auf Erlebnisse oder Ereignisse gefühlsmäßig reagieren, sind wie versteinert. Je nach Schwere der Depression kann diese mit Selbstmordgedanken einhergehen.

 Wichtige Symptome einer Depression:

  • Schwermut, Freud- und Mutlosigkeit
  • Angstgefühle, Pessimismus, Konzentrationsstörungen
  • Antriebs- und Interessenlosigkeit
  • Gesteigertes Gefühl der Traurigkeit
  • Appetitstörungen
  • Schlafstörungen, Früherwachen und Morgentief
  • Vermindertes Selbstwertgefühl, Schuld- und Minderwertigkeitsgefühle
  • Lebensüberdruss, Selbstmordgedanken

      

5.       Welche Formen der bipolaren Störungen gibt es?

Entsprechend der auftretenden Phasen und deren Ausprägung unterscheidet man verschiedene Formen der bipolaren Störungen.

  •  Bipolar-I-Störung

Hierunter  versteht man die klassische „manisch-depressive Erkrankung“. Es treten sowohl Phasen ausgeprägter Hochstimmung (Manie) als auch Phasen schwerer Depression auf. Die Reihenfolge und Dauer der Phasen kann variieren.

  •  Bipolar-II-Störung

Bei der Bipolar-II-Störung treten schwere depressive Phasen im Wechsel mit leichter ausgeprägten manischen Phasen (sogenannte Hypomanien) auf.

  •  Rapid Cycling

Rapid Cycling ist eine besondere Verlaufsform. Diese Form der bipolaren Störung ist gekennzeichnet durch einen schnellen Wechsel der Phasen, es  treten vier oder mehr Krankheitsphasen pro Jahr auf. Die Betroffenen werden meist in einer Klinik behandelt, da eine intensive Therapie notwendig ist.

 

6.       Wie wird eine bipolare Störung diagnostiziert?

Die Diagnose wird anhand der Krankheitsgeschichte (Anamnese) gestellt. Hierzu werden der Patient und  manchmal auch Angehörige oder nahestehende Personen befragt. Die Schilderung der bisherigen Krankengeschichte und die genaue Beschreibung der Probleme helfen dem Arzt, nach Symptomen zu suchen, die typisch für bipolare Störungen sind. Da die Beschwerden auch von anderen Erkrankungen verursacht werden können, müssen diese zunächst ausgeschlossen werden. Hilfreich im Verlauf  kann beispielsweise das Führen eines Stimmungstagebuches sein, in das der Patient jeden Tag seine Stimmungslage und die Ausprägung der Stimmung einträgt. Mit diesen Informationen kann der Arzt mit dem Patient gemeinsam die Behandlung planen und hat zugleich ein Instrument zur Rückfallprophylaxe.

 

7.       Wie kann man bipolare Störungen behandeln?

Bei bipolaren Störungen handelt es sich meist um eine chronische Erkrankung, die ein Leben lang behandelt werden muss. Hierfür stehen verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung. Eine wirkungsvolle Therapie hilft, akute Krankheitsepisoden zu behandeln, ein Wiederaufflackern der Symptome und schließlich einen Rückfall zu vermeiden. Der  Behandlungsplan besteht daher aus einer Initialtherapie, einer Erhaltungstherapie und einer Rückfallprophylaxe:

  •  Initialtherapie oder Akuttherapie

In der Initialtherapie (Akuttherapie) ist es Ziel, den Erkrankten aus der Krankheitsphase (manisch, depressiv, hypomanisch oder gemischte Phase) in einen normalen Bereich der Stimmungslage zurückzubringen. Die Akutphase kann je nach Schwere der Episode mehrere Wochen bis Monate dauern. Während dieser Zeit wird je nach Ausprägung der Symptome eine medikamentöse Therapie durchgeführt.

  •  Erhaltungstherapie

Lassen die Symptome der akuten Krankheitsepisode langsam nach und führen alltägliche Situationen und Umgebungsreize nicht zur erneuten Verschlechterung, kann mit der Erhaltungstherapie begonnen werden. Der Patient soll einen stabilen Zustand erreichen. Die individuelle Anpassung der Medikamente und eine psychotherapeutische Behandlung (vor allem Ausbau der Psychoedukation) helfen den Patienten, langsam in den Alltag zurückzukehren.

  •  Rückfallprophylaxe

Hat sich die Stimmungslage des Patienten normalisiert, gilt es, neue Krankheitsepisoden zu verhindern und den Patienten wieder in seinen Alltag zu integrieren. Um Rückfälle zu verhüten, ist in der Regel eine medikamentöse Dauertherapie notwendig. Die dafür geeignete Medikation wird entsprechend angepasst. Psychotherapeutische Maßnahmen helfen den Patienten, mit der Erkrankung umzugehen und den Beginn einer neuen Krankheitsepisode zu erkennen.

  

7.1   Welche Behandlungsmethoden gibt es?

Für die Behandlung bipolarer Störungen stehen verschiedene Behandlungsmethoden zur Verfügung. Schwerpunkte liegen auf einer medikamentösen Therapie und psychotherapeutischen Therapie. Welche Therapie eingesetzt wird, ist abhängig vom Verlauf und der Schwere der Erkrankung.

  •  Medikamentöse Therapien

In der Therapie von bipolaren Störungen kommen Medikamente zum Einsatz, die ausgleichend auf den Stoffwechsel des Gehirns wirken, sogenannte Stimmungsstabilisierer. Abhängig davon, ob der Patient sich in einer manischen oder einer depressiven Phase befindet, werden unterschiedliche Wirkstoffe eingesetzt. Dazu zählen Lithium, bestimmte Mittel, die auch gegen Epilepsie wirken und verschiedene atypische Neuroleptika. Reichen Stimmungsstabilisierer nicht aus, können auch Kombinationen  zum Einsatz kommen mit Neuroleptika, Antidepressiva, Sedativa und Hypnotika.

  •  Psychotherapie und Psychoedukation

Eine Psychotherapie kann helfen, mit der Erkrankung besser umzugehen, nach einer Krankheitsepisode wieder in den Alltag zurückzufinden und Frühwarnzeichen und Symptome zu erkennen, die einen Rückfall auslösen können. Verfahren, die erfolgreich eingesetzt werden, sind  Verhaltenstherapie, Familientherapie und tiefenpsychologische Verfahren.

In speziellen Schulungsprogrammen (Psychoedukation) informieren Ärzte oder Psychologen über die Erkrankung. Betroffene und Angehörige lernen, Frühwarnzeichen richtig zu deuten und die Symptome einer beginnenden Manie, Hypomanie oder Depression rechtzeitig wahrzunehmen und damit umzugehen.

 

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