Alkoholabhängigkeit

 

Was ist Alkoholabhängigkeit?

Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung des Gehirns, genauer gesagt des Zentralen Nervensystems (ZNS). Alkohol setzt im Gehirn Dopamin frei – ein Botenstoff, der auch das gute Gefühl von Belohnung auslöst. Ein hoher Alkoholkonsum bewirkt Veränderungen im Belohnungssystem des Gehirns.1 Diese Veränderungen können das Trinkverlangen erhöhen, die Kontrolle über das Trinken beeinträchtigen und bis zu einer Abhängigkeit von Alkohol führen. Alkohol vermindert diese Prozesse und erlaubt ein „normales“ Funktionieren.

Forschungsergebnisse zeigen eindeutig: Alkoholabhängigkeit ist keine Charakterschwäche. Es ist eine Krankheit, die behandelt werden kann und auch sollte. Das Risiko, an Alkoholabhängigkeit zu erkranken, steigt zum einen mit der Menge des konsumierten Alkohols und zum anderen mit der Häufigkeit starker Trinktage.2, 3 Es gibt vielfältige Behandlungsansätze, die helfen können, mit der Erkrankung zu leben. Die Krankheit im Alleingang zu „besiegen“ ist sehr schwer. Zudem kann es für Alkoholkranke lebensgefährlich sein, den Alkohol von einem auf den anderen Tag auf eigene Faust und ohne ärztliche Aufsicht ganz wegzulassen.

 

Was sind Anzeichen einer Alkoholabhängigkeit?

Es gibt unterschiedliche Anzeichen für eine Alkoholabhängigkeit. Die nachfolgenden Aussagen geben eine Orientierung, um den eigenen Alkoholkonsum grob prüfen und einordnen zu können. 

  • Ich verspüre ein sehr starkes, fast unbezwingbares Verlangen, Alkohol zu trinken.
  • Es ist mir kaum möglich, Beginn oder Menge des Alkoholtrinkens zu kontrollieren – auch wenn klar ist, dass dies Folgen hat.
  • Ich trinke regelmäßig einen über den Durst. Aus eins werden zwei, drei…
  • Ich muss mehr und mehr Alkohol trinken, um die gewünschte Wirkung hervorzurufen. Manche würden auch sagen „Ich vertrage viel“.
  • Was mir sonst sehr wichtig ist, tritt durch Alkohol in den Hintergrund: Ich vernachlässige meine Familie, Freunde und Interessen.
  • Gesellschaft beim Trinken? Nein, danke – ich trinke auch allein.
  • Ich finde Entschuldigungen, warum ich trinke. Ein Schnäpschen in Ehren…
  • Ich werde darauf angesprochen, dass ich nach Alkohol rieche.
  • Ich fühle mich schuldig, wenn ich trinke.
  • Meine Hände zittern manchmal, wenn ich eine Zeit lang keinen Alkohol getrunken habe, z. B. morgens.

Wenn einige dieser Aussagen zutreffen, ist es ratsam, den Hausarzt bzw. einen anderen Arzt anzusprechen oder auch einmal unverbindlich Kontakt zu einer Beratungsstelle für Suchtprobleme zu suchen.

 

Wie viele Menschen sind in Deutschland erkrankt?

In Deutschland sind ca. 1,8 Mio. Menschen an Alkoholabhängigkeit erkrankt.4 Etwa 2 Mio. konsumieren Alkohol in schädigender und ca. 9,5 Mio. in riskanter Weise.5

 

Wie viel ist zu viel? Wo beginnt eine Sucht?

Alkohol beeinträchtigt die Gesundheit. Je mehr Alkohol getrunken wird, desto größer ist das Risiko zu erkranken. Einen ganz risikofreien Alkoholkonsum gibt es nicht. Doch was ist noch okay und was nicht? Welche Menge ist eigentlich zu viel?

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat für erwachsene Frauen und Männer Richtwerte entwickelt, die zeigen, wie hoch das Risiko für die Gesundheit bei wie viel Gramm Alkohol pro Tag ist.6 Danach führt bei Frauen beispielsweise der regelmäßige Konsum von zwei bis drei Gläsern Wein pro Tag (entsprechend 40 bis 60 g reiner Alkohol) zu einem hohen Risiko für die Gesundheit, bei Männern drei bis fünf Gläser Wein (60 bis 100 g).  

 

Abb.: Risikoklassen der WHO: Wie viel Alkohol pro Tag ist zu viel?

Wenn ständig und viel Alkohol getrunken wird, kann dies zu Veränderungen im Nervenstoffwechsel führen. D.h. nicht wir selbst entscheiden völlig frei, sondern unser Gehirn funkt dazwischen. In der Folge wird unsere Aufmerksamkeit immer stärker auf den Alkohol gelenkt. Wir denken an die positiven Gefühle, die mit Alkoholgenuss verbunden sind oder waren – auch, wenn wir vielleicht gar nicht trinken wollen.

 

Warum können einige nicht aufhören?

Im Regelfall entscheiden die meisten Menschen rechtzeitig „Für heute reicht’s!“. Durch ein ständiges „Zu viel“ an Alkohol kann der Regulationsmechanismus im Gehirn aus dem Gleichgewicht geraten: Der übermächtige Wunsch nach einem positivem Gefühl der Belohnung ist größer als die eigene Entscheidungsgewalt. Das System ist außer Kontrolle – es ist eine Abhängigkeit entstanden.

 

Welche Folgen kann übermäßiger Alkoholkonsum haben?

Alkohol verursacht mehr als 30 Krankheiten 7,8  und trägt indirekt zur Entstehung von über 60 Krankheiten bei.7 Jährlich sterben ca. 74.000 Menschen an den Folgen eines missbräuchlichen oder riskanten Konsums.5 Jeder 8. Todesfall bei Männern und mehr als jeder 14. Todesfall bei Frauen im Alter zwischen 15 und 64 Jahren ist auf Alkoholkonsum zurückzuführen.9

Mit zunehmendem Alkoholkonsum sind auch negative Folgen in sozialen Beziehungen assoziiert: häufigere Streitereien, Störungen des Familienlebens und der Ehe, konfliktreiche Verhältnisse zu Kollegen und Freunden sowie die Beeinträchtigung des gesellschaftlichen Lebens sind häufig die Konsequenz eines übermäßigen Alkoholkonsums.10

 

Welche Behandlungsmöglichkeiten und -ziele gibt es?

Alkoholabhängigkeit ist eine Erkrankung. Sie kann und sollte behandelt werden. Hier gibt es gute Möglichkeiten. Sich zu offenbaren und zu seiner Erkrankung zu bekennen ist ein großer Schritt. Aber er lohnt sich: Je mehr Personen im Umfeld von der Erkrankung wissen, desto mehr Unterstützung erhält man von außen.

Sobald der Entschluss gefasst ist, das Trinkverhalten zu ändern, gilt es zu überlegen, welcher Weg hierfür der richtige ist.

  • Abstinenz: Völliger Verzicht auf Alkohol, also „trocken“ leben?
  • Reduziertes Trinken: Schritt für Schritt weniger Alkohol trinken, also den Konsum einschränken und ggf. am Ende ganz auf Alkohol zu verzichten?

Abstinenz ist aus vielerlei Blickwinkeln das ideale Ziel in der Behandlung der Alkoholkrankheit. Diesen völligen Verzicht auf Alkohol können sich viele Erkrankte jedoch zunächst nicht vorstellen. Wer sich für Abstinenz entscheidet, sollte dies in jedem Fall ausschließlich gemeinsam mit seinem Arzt angehen. Den Alkohol von einem auf den anderen Tag auf eigene Faust und ohne ärztliche Aufsicht wegzulassen, kann für Alkoholkranke lebensgefährlich sein.

Für Erkrankte, die sich nicht (oder noch nicht) dazu bereit fühlen, ganz ohne Alkohol zu leben, kann eine gezielte Reduktion des Alkoholkonsums die richtige Entscheidung sein. Eine Reduktion kann:

  • den aktuellen Gesundheitszustand verbessern.
  • das Risiko für Erkrankungen senken, die durch Alkohol beeinflusst werden.
  • letztlich zu einem völligen Verzicht auf Alkohol führen – Reduktion auf null.
  • im gewohnten Umfeld, ambulant – also ohne Klinikaufenthalt – umgesetzt werden. So kann man beispielsweise dem Beruf wie gewohnt nachgehen, ohne Fehlzeiten aufgrund einer stationären Behandlung befürchten zu müssen und umgeht eventuelle Fragen des Freundes- und Bekanntenkreises

So oder so: Weniger trinken ist gesünder und man hat wieder mehr Zeit, Hobbies und Freizeitaktivitäten nachzugehen, die einem Freude und Spaß machen.

 

Gibt es medikamentöse Unterstützung?

Es gibt Medikamente, die helfen, den Alkoholkonsum zu reduzieren, oder einem Rückfall bei „trockenen“ Alkoholkranken vorzubeugen. Neben Medikamenten ist das regelmäßige psychotherapeutische Gespräch mit dem Arzt, Psychologen oder Psychotherapeuten bzw. im Rahmen einer Selbsthilfegruppe sehr wichtig – hier können Probleme im Zusammenhang mit der Alkoholerkrankung aufgearbeitet werden und die Stimmung und Motivation aufgefangen und verbessert werden.

 

Quellen

  1. Volkow N., et al., „The addicted human brain: insights from imaging studies,“ J. Clin. Invest., Bd. 111, Nr. 10, pp. 1444-1451, 2003
  2. Caetano R, Tam T, Greenfield T, et al. DSM-IV alcohol dependence and drinking in the U.S. population: a risk analysis. Ann Epidemiol 1997; 7 (8): 542-549
  3. Caetano R, Cunradi C. Alcohol dependence: a public health perspective. Addiction 2002; 97 (6): 633-645
  4. Pabst et al. Sucht 2013; 59(6):321-331
  5. Lehner B, Kepp J. Daten, Zahlen und Fakten. In: Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. (Hrsg). Jahrbuch Sucht 2013; 11-35
  6. World Health Organization (WHO). International guide for monitoring alcohol consumption and related harm. 2000
  7. World Health Organization (WHO). Global status report on alcohol and health. Abrufbar unter http://www.who.int/substance_abuse/publications/global_alcohol_report/en/. 2011
  8. World Health Organization (WHO). Global status report on alcohol 2004. Abrufbar unter http://whqlibdoc.who.int/publications/2004/9241562722_%28425KB%29.pdf. 2004

 

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